"suna" oder "qanoq"?
Im Deutschen gebrauchen wir für alles "was" oder "wie". Im Grönländischen geht das nicht. Für Gegenstände muss immer "suna" verwendet werden, für Gedanken immer "qanoq". "Sussavit?" - "Was wirst du machen?", "Sunaana?" - "Was ist das?", "Qanorooq?" - Was hat er gesagt?", "Qanorippit?" - "Wie geht es dir?"

Die Zeiten

Im Grönländischen gibt es an sich nur die Gegenwart, und alles, was nicht im Augenblick geschieht, ist Vergangenheit (sonst könnte man nicht darüber berichten). Für uns ist es ungewohnt, entscheiden zu müssen, ob etwas als Präsens oder Präteritum gemeint ist. Man muss von der Situation ausgehen (aber wir machen das ja auch beim deutschen Futur, für das wir meist das Präsens verwenden). Daneben gibt es noch ein Futur, das logischerweise konsequent verwendet werden muss, weil das Gesagte ja sonst Vergangenheit wäre, da es sich nicht vor den Augen der Gesprächspartner abspielt... Alles klar? Alles Zukünftige wird durch ein eigenes Suffix markiert und darf, wenn es keine Missverständnisse gegen soll, auch niemals vergessen werden.

Das Suffix -simavoq
Es ist eines der spannendsten Suffixe (dänisch: tilhæng), denn es bezeichnet irgendwie etwas Vergangenes, das das Gegenteil vom gegenwärtigen Zustand kennzeichnet. Beispiele wären:
- napparsimavoq: "er/sie ist krank"; napparpoq heißt "er kränkelt". Das Suffix zeigt also an, dass dieses Anfangsstadium schon vorbei und jemand richtig krank ist.
- angerlasimavoq: "er/sie ist zu Hause", wörtlich: er/sie war weg (und ist jetzt also wieder da)
- qasusimavoq: "er/sie ist wach", wörtlich: "er/sie war mal müde"
- erinarsoqartigiit naapissimaarnerannit: "auf dem Treffen der Sänger", also dort, wo man sich Leute mal als Sänger getroffen haben (und jetzt eben da sind)
- allassimaffik: "ein Ort, an dem etwas aufgeschrieben worden ist", ein Schriftstück.
Dummerweise (für uns Deutsche) verstehen Grönländer diese Ausdrücke nicht wörtlich, es ist also schwierig, über dieses Phänomen zu fachsimpeln. Man muss diese Ausdrücke als feststehende Wendungen lernen. Und noch viel dümmer (für uns Deutsche) ist, dass das -simavoq auch ganz einfach ein Vergangenheitssuffix ist und somit nur dem deutschen Präteritum entspricht.

Der Schnee
Das Grönländische kennt nicht, wie gerne erzählt wird, hundert und noch mehr Begriffe für Schnee. Die Anzahl der Schneewörter dürfte der des Deutschen entsprechen. Ein Alpenländer kennt ja auch Pulverschnee, Pappschnee, Harsch usw. Was es im Grönländischen aber tatsächlich gibt, ist eine große Anzahl von Wörtern für Eis. Wenn man sich bewusst macht, dass es überlebenswichtig ist zu wissen, ob die Eisschicht, die einen vom eiskalten Ozean trennt, dick genug ist (auch für den Rückweg), wundert dieser Umstand nicht.

Dialekte
Es gibt vermutlich so viele Dialekte wie abgeschiedene Siedlungen, auf jeden Fall die Großdialekte Nordgrönländisch, Westgrönländisch, Südgrönländisch und - je nach Sichtweise - Ostgrönländisch. Letzteres wird zumeist als eigene Inuitsprache betrachtet. Der westgrönländisch Laut "chl" lautet im Ostgrönländischen "dd", also statt "illu" (sprich: ichlu, Haus) "iddu". Hinzu kommt eigenes Vokabular. Ein grönländischer Freund und Polizist erzählte mir, er habe mit seinen ostgrönländischen Kollegen lieber dänisch oder englisch gesprochen, bevor jeder in seiner Mundart redete und keiner den anderen verstand.
Das Nordgrönländische neigt dazu, aus dem "g" einen sogenannten stimmhaften retroflexen Nasal zu machen, ein "ng" (wie in "fangen"). Darum finden sich in vielen Mails, Blogs usw. manche Ns zu viel. Hinzu kommt die Unsicherheit, wo das "n" nun hin muss und wo nicht. Man trifft des Öfteren auf "uaga" statt "uanga" ("ich") usw. Umgekehrt singt in einem Lied der Sänger "illumit angivunga", obwohl es "illumit anivunga" ("ich komme vom Haus", "ich gehe aus dem Haus") hätte heißen müssen. Aber die Pfälzer wissen das beim ch/sch ja auch oft nicht. Kohl sprach ja auch immer von der "Gechichte" und vom "Tich". Das Nordgrönländisch ist zeitlich und räumlich am engsten mit den Sprachen im kanadischen Nunavut verwandt. Die grammatische Struktur beider Sprachen ist sehr verwandt, aber es gibt erhebliche Abweichungen im Vokabular, die selbst elementare Wörter wie "danke" oder "leb wohl" betreffen.

Singular und Plural
Ein wichtiger Unterschied zum Deutschen besteht darin, dass im Grönländischen Singular und Plural immer genau beachtet werden müssen. Begrüßt man einen Menschen, sagt man "haluu", begrüßt man mehrere, sagt man "haluukkut". Fragt man nach jemandem "Wer?", fragt man "Kina?", sind es aber mehrere, muss man "Kikkut?" fragen. Und so zieht sich das auch durch die Pronomen: "una" ist "das da", "uku" bezeichnet "diese da". Ein verallgemeinerndes Pronomen gibt es also nicht., man muss immer preisgeben, an wie viele man denkt.

Mann und Frau
Recht interessant ist, dass man sich, wenn man denn die Sprache beherrschen würde, stundenlang mit jemandem über jemand anderen unterhalten könnte, ohne zu wissen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Es gibt im Grönländischen kein Geschlecht. Weder bei Substantivem, noch bei Adjektiven oder gar Pronomen. Rein gar nichts. Natürlich gibt es eindeutige Substantive wie Mann, Frau, Mädchen und Junge, aber wenn man die veremeidet, bleibt das Geschlecht unbestimmt.


Richard Kölbl: Grönländisch Wort für Wort. Kauderwelsch-Verlag; Buch und CD jeweils knapp 8 Euro. Ohne dieses Büchlein geht es nicht.